Natur im Stadtkanton

Natur und Stadt? Kein Widerspruch!
Ja, gewiss, jeder Blumentrog ist ein kleines Stück Natur. Aber Natur in der Stadt ist mehr! In ihrem Gepräge ist sie vielfältig und unverwechselbar. Sie hat ihren ureigenen Wert, aber sie verbindet auch, vermittelt zwischen den offenen Landschaften rings um die Stadt und ist damit wichtiges Glied eines übergreifenden Netzwerks. Deshalb bedarf sie genügender Dichte und standorttypischer Qualität.
 
Die Anforderung des Gesetzes, bei Bauvorhaben Verluste an Natursubstanz – auch in der Siedlung! – angemessen und funktionsgerecht zu ersetzen, besteht auf Bundesebene seit über zwanzig Jahren. Das Wissen um diese Pflicht ist aber nach wie vor nicht Gemeingut. Unentwegt hält sich die Ansicht, Natur habe mit dem vorlieb zu nehmen, «was übrig bleibt», sie sei, vorab auf privatem Grund, «Quantité négligeable». Dem ist nicht so. Doch zusehends wächst die Schwierigkeit, im dicht besiedelten und intensiv genutzten Gebiet geeignete Flächen für Ersatz und ökologischen Ausgleich zu finden.
 
Basel hat im Pflegen und Fördern der spontanen siedlungstypischen Natur langjährige Praxis. Als genereller Grundsatz gilt, nicht irgendwelche «Versatznatur» anzulegen, die mit den realen Gegebenheiten nichts zu tun hat und dem Standort mit viel Aufwand abgerungen oder sogar aufgepfropft werden müsste. Astholz- und Lesesteinhaufen in einem Park aus der Zeit des Historismus oder der Postmoderne wird man bei uns also vergeblich suchen, dafür da und dort aber artenreiche Rasen und Trittfluren finden, die sich dem wachen Auge als wahre Kleinode erschliessen.
 
An Orten, die vom Publikum weniger begangen werden, bietet sich dennoch Gelegenheit, im grösseren Massstab zu arbeiten. Seit drei Jahren wird die Rheinböschung entlang der Solitude, die stark von Robinien, Götterbäumen und verwilderten Gartenbrombeeren eingenommen war, ausgelichtet, und jährlich ein bis zweimal durchgemäht. Nach und nach wagen sich Stauden vor, die viel Sonnenlicht und -wärme benötigen und lange ein Schattendasein fristeten: Königskerzen, Heckenkerbel, Efeu-Sommerwurz und viele andere. Insekten, Eidechsen und Vögeln ist der helle Lebensraum hoch willkommen. Regelmässig gesichtet wird der Eisvogel. Vielleicht wird er bald eine der Brutröhren beziehen, die für ihn in der Böschung eingelassen wurden?

 


Die Efeu-Sommerwurz ist landesweit selten. Ihr Bestand an der Rheinböschung der Solitude in Basel zählt nach Hunderten.

Eine Massnahme, die sowohl dem baulichen Uferschutz dient als auch der natürlichen Standortsvielfalt und damit dem Biotopverbund vom Oberrhein zum Hochrhein und zur Birs, ist das Aufschütten von Kiesvorländern an den Rheinufern. Das Material stammt aus dem Mündungsbereich der Birs, wo es regelmässig aus der Fahrrinne für die Grossschifffahrt ausgebaggert werden muss. Bei Hochwässern lagern sich Sand und Schlick in den Zwischenräumen des Schotters ab, und damit erhält eine zwar vergängliche, aber jährlich wiederkehrende Ufervegetation Platz zum Gedeihen: Sumpfkresse, Ufer-Ehrenpreis, Kriechendes Straussgras, Zweizahn und andere mehr. Im Flachwasser erschliessen sich Fischen und Wasserinsekten neue Nähr- und Laichgründe.
Dass dabei – wie am Schaffhauser Rheinweg – attraktive Aufenthaltsorte und Badeplätze für die Bevölkerung entstehen, ist ein angenehmer, allseits geschätzter Zusatzeffekt.

 


Kies, Silber-Weiden, ein Stück Flusslandschaft in der Stadt. Kleinbasler Rheinufer beim Tinguely-Museum

Bei Neubauten schreibt das Bau- und Planungsgesetz vor, Flachdächer mindestens extensiv zu begrünen. In Zusammenarbeit mit der Hochschule Wädenswil hat Basel Standards entwickelt, die in Baubewilligungen routinemässig verfügt werden. Wo immer möglich wird mit heimischen Substraten gearbeitet, an statisch günstigen Stellen der Dächer werden kleine Hügel geschüttet, die weniger rasch austrocknen und im Winter nicht so rasch durchfrieren. Boden bewohnende Insekten überstehen darin auch härtere Zeiten. Zur Aussaat kommen Samen einwandfreier Kombination und Herkunft, die ‚Basler Mischung’, die dem spontan Vorkommenden auf älteren Dächern abgeschaut ist und daher dem hoch speziellen Standort optimal entspricht.
 
So wächst hoch über den Strassen und Plätzen stetig ein Netz von Trittsteinen heran, das zwar von unten wenig wahrgenommen wird und nur von flug- und extrem kletterfähige Besiedlern erreicht werden kann. Es hilft aber mit, die Stadt nach allen Seiten durchlässiger zu machen. Haus-Rotschwanz und Distelfink finden auf begrünten Dächern einen reich gedeckten Tisch, und die Hoffnung besteht, dass die Haubenlerche, die bis vor wenigen Jahrzehnten vor den Toren Basels brütete, dies auf einem Flachdach wieder tun wird.

 


Felsensteppe im Wallis?? Flachdach in Basel!!

In den letzten Jahren vermehrt wahrgenommen wurden in Basel Unfälle von Vögeln an stark spiegelnden oder sehr durchsichtigen Glasfassaden. In den Baubewilligungen werden Auflagen verfügt, die die Gefahren vermindern können, doch letztlich kann das wohl weltweit bestehende Problem (u.a. Entwicklung wenig spiegelnder Gläser) nicht regional gelöst werden.

 


Ein Baum?? Sein Spiegelbild!!

Erlenmatt, ein neuer Park mit viel Natur
Das Erlenmatt-Areal, verlor ab 1991 allmählich seine Aufgabe als Güterbahnhof der Deutschen Bahn. Für die Stadt und die Region ist es ein herausragender Standort trockenwarm geprägter Flora und Fauna. 420 Arten der höheren Pflanzen konnten auf dem Areal gezählt werden, darunter Raritäten wie Knorpelsalat und Rosmarinblättriges Weidenröschen. Für Insekten, Schnecken liegen weniger umfassende Aufnahmen vor, doch gelangen Nachweise landesweit seltener Arten, für die Basel besondere Verantwortung trägt. Gottesanbeterin und Italienische Schönschrecke sind zwei Beispiele.
 
Auf dem frei werdenden Gelände erhält Basel die einmalige Chance, ein neues Quartier zu errichten. Das Siegerprojekt, das im Ideenwettbewerb vom April 2002 gekürt wurde, legt Wohn- und Gewerbebauten an die Ränder des Areals im Osten, Süden und Westen, ein nach Norden, zum Flussraum der Wiese hin orientierter Grünpark von 5.7 Hektaren belegt das Zentrum.
 
Im Park soll die standortheimische Natur prominenten Platz erhalten. Der Grosse Rat hat beschlossen, 1.9 Hektaren der Naturschutzzone zuzuweisen, weitere 1.6 Hektaren der Naturschonzone, die als Übergangs- und Pufferzone wirkt. Das sind zusammen 61% der Grünfläche. Zäune wird es im Areal nicht geben. Es ist die erklärte Absicht, die Vegetation, die sich zu Zeiten des Güterbahnhofs entwickelt hat, weiterhin in einem gewissen Mass dem Tritt auszusetzen, wie er im Bahnhof alltäglich war. Das Terrain wird jedoch modelliert und so dafür gesorgt, dass verschiedene Bereiche vom Publikum unterschiedlich stark begangen werden.
 
Versuche haben gezeigt, dass das Übertragen der obersten Bodenschicht den besten Weg darstellt, wertvolle Vegetation «umzutopfen». Mitte 2006 wurde deshalb ein grosser Teil der vorhandenen Oberböden, die das wertvolle Samenmaterial enthalten, enthoben und zwischengelagert. Baubeginn für die erste Etappe soll im Herbst 2007 sein. Die nördlichen Partien des Geländes werden ihren heutigen Zustand noch auf Jahre hinaus behalten. Sie bilden das Reservoir für die Raritäten. Nun muss es gelingen, dass diese von dort aus den neuen Park gewinnen und darin bei aller Nutzung dauerhaft Fuss fassen.

 


Erlenmatt zum Ersten: So präsentierten sich die alten Gleisstränge bis 2006


Erlenmatt zum Zweiten: Der Knorpelsalat


Erlenmatt zum Dritten: Das Rosmarinblättrige Weidenröschen


Erlenmatt zum Vierten: Der Sand-Wegerich

5 Jahre Landschaftspark Wiese
Grenzüberschreitend soll der Landschaftsricht- und -entwicklungsplan ‚Landschaftspark Wiese’ die Anliegen von Trinkwassergewinnung, Schutz und Entwicklung von Natur und Landschaft und die vielfältigen Ansprüche der Naherholung unter einen Hut bringen. Die Arbeitsgruppe, in der sich die beteiligten Stellen des Kantons, der Gemeinde Riehen und der Stadt Weil am Rhein, das Trinationale Umweltzentrum TRUZ und die interessierten Umweltverbände engagieren, hat 2006, nach fünf Jahren gemeinsamer Arbeit, erstmals Bilanz gezogen. Es darf gesagt werden, dass nur das Zusammenwirken aller Beteiligten das bisher Erreichte – die Arbeit geht selbstverständlich weiter – möglich machte.
 
Gewässer
Kulturelemente mit hohem Naturgehalt und noch höherem Potential sind in der Wiese-Ebene die Gewerbekanäle, auf dem Brühl (Riehen) die Wässergräben. Im Sinne des Fliessgewässerkonzepts Basel-Stadt und zum Teil im Zusammenhang mit Sanierungs- und Hochwasserschutzmassnahmen sind umgesetzt worden:

 
Wiese, Erlenparksteg bis Freiburgerbrücke: Verlängern der Pilotstrecke zur Revitalisierung flussabwärts mit anschliessender Erfolgskontrolle
Wiese, Schliesse: Umgehungsstrecke für Fische mit einfachen baulichen Massnahmen via Wildschutz-Riehenteich
Alter Teich Riehen: Uferrevitalisierungen im Abschnitt Erlensträsschen – Grendelgasse und Ausdolung einer kurzen Strecke (Sportanlage Grendelmatten) mit Pflanzung seltener, für das Gebiet typischer Strauch-Weiden (u.a. Schwarz-Weide, Korb-Weide, Mandel-Weide)
Wässergräben im Brühl: Naturpflegender Unterhalt mit entsprechender Ufergestaltung durch die Gemeinde Riehen.
 

Die Uferstaudenvegetation hat sich in allen Fällen günstig entwickelt, spontan treten typische seltene Sippen auf, so an der Wiese die Bruch-Weide und am Alten Teich die Geflügelte Braunwurz. Dem Bekämpfen und Begrenzen invasiver Neophyten, deren Bestände bisher klein gehalten werden konnten, gilt besondere Aufmerksamkeit.
 
Ökologische Vernetzung
Auf Initiative des TRUZ (Projekt Regiobogen) wurden Wildhecken von mehreren hundert Metern Länge gepflanzt, die sich mittlerweile in der pflegerischen Obhut der Landwirte befinden. Geeignete Waldränder erhalten im Zuge des laufenden Unterhalts verbesserte Struktur (Gebüschmantel mit vorgelagertem Krautsaum) und Artengarnitur. Auflagen für die Landwirtschaft (Ausgleichsflächen, extensive Nutzung) sind Bestandteil der Pachtverträge. Zielarten wie Zittergras, Wiesen-Salbei, Kleiner Sauerampfer und Wiesen-Glockenblume haben in den extensiven Wiesen stellenweise deutlich zugenommen.
 
Wald
Stiel-Eichen und andere lichtbedürftige, für den Standort typische Bäume werden systematisch nachgepflanzt und pflegerisch gefördert. Voll wirksam werden diese Massnahmen jedoch erst nach Jahrhunderten, wenn die Eichen erwachsen sein werden.

 


Spierstauden, Rohr-Glanzgras und ein kleines Wasser: Der Alte Teich in Riehen hat an Vielfalt stark zugelegt


Sie prägen die Landschaft und bieten Tieren besten Lebensraum: Stiel-Eichen und Schwarz-Erlen am Neuen Teich, Riehen


Ein guter Anfang: Klappertopf hat die Wiese erobert. Bäumlihof, Riehen