Chemische Industrie

Die Chemische Industrie verarbeitet ein sehr breites Spektrum an verschieden Stoffen. Diese Stoffe finden sich in veränderter Form auch im Abwasser und bedürfen deshalb adäquater Vorbehandlungsmassnahmen. Durch die Anstrengungen der chemischen Industrie hat sich die Gewässerqualität in den vergangen Jahren laufend verbessert. Demgegenüber stellen Verschmutzungen mit nicht abbaubaren hormonaktiven Substanzen neue Anforderungen an einen wirksamen Gewässerschutz.
 
Ausgangslage
Die Chemische Industrie ist der abwasserintensivste Industriezweig unserer Region. Sowohl bezüglich Menge als auch bezüglich Inhaltsstoffe stellen die Abwässer der verschiedenen Verarbeitungs- und Produktionsprozesse höchste Anforderungen an den Gewässerschutz. Das Bild der chemischen Industrie hat sich in den vergangenen Jahrzehnten indessen stark gewandelt. Früher wurden in Monoanlagen grosse Mengen an Basischemikalien produziert. Der Stoffumsatz war entsprechend hoch und die Umweltverschmutzung aufgrund einer dazumal unzureichenden Gesetzgebung gross. Heute stellen die Chemiebetriebe in Mehrzweckanlagen verschiedene Produkte in relativ geringen Mengen her. Die Basischemie ist zugunsten der Spezialitätenchemie und der pharmazeutischen Produktion gewichen. Entsprechend verändert haben sich die Produktionsverfahren. Basel ist heute beispielsweise ein führender Standort von Biofermentationen mit gentechnisch veränderten Organismen (Zellkulturen, Bakterien, Pilze). Aufgrund des Konkurrenzdruckes findet unter den Chemiebetrieben zudem eine fortwährende Spezialisierung auf bestimmte Produkte und Verfahren statt.

 


Chemieareal Ciba 1964/65, aus Bildarchiv Novartis AG


Abwasserrelevante Tätigkeiten und Probleme
Die beschriebene Entwicklung widerspiegelt sich auch in der Abwasserbelastung der Betriebe. Im Vergleich zu einer früher überschaubaren Anzahl an Schadstoffen (z.B. Lösungsmittel aus der Farbstoffproduktion) ist das Abwasser heute mit tausenden von verschiedenen Stoffen verunreinigt. Aber nicht nur die Zusammensetzung des Abwassers hat sich verändert sondern auch dessen Eigenschaften. Pharmazeutische Wirkstoffe müssen relativ stabil sein, damit sie im Körper ihre Wirkung entfalten. Deshalb werden die entsprechenden Stoffe auch in Industriekläranlagen schlecht abgebaut und können unverändert in unsere Gewässer gelangen. Weitere Probleme bereiten heute die so genannten hormonaktiven und hochaktiven Substanzen (Medikamente, synthetische Duftstoffe, etc.). Zudem sorgt die Temperatur des in den Rhein eingeleiteten Kühlwassers vermehrt für Diskussionsstoff.

 

Kontrolltätigkeit
Die Kontrolltätigkeit ist in den beiden Halbkantonen unterschiedlich organisiert. Bei den Chemiebetrieben im Einzugsgebiet der ARA-Rhein (BL) wird die Vollzugspraxis der Werkabwasser- und -kanalisationsbewilligung praktiziert. In diesen Bewilligungen sind im Wesentlichen die Pflichten, Rechte und Frachtlimitierungen der Werkareale festgelegt. Dazu gehören auch die sofortige Meldung von ausserordentlichen Ereignissen mit Auswirkungen auf die Entwässerungssysteme und die jährliche Rapportierung der Abwassersituation. Als Folge von Ereignissen und anhand der Rapporte werden jährlich 2 bis 4 Audits bei den einzelnen Firmen durchgeführt. Dabei werden für ausgewählte Produktionsbereiche sämtliche Aspekte der Abwasserbewirtschaftung überprüft, insbesondere die Art der Charakterisierung der einzelnen Abwässer und die Kriterien für die Art der Entsorgung. Kontrolliert werden im Weiteren die organisatorischen und technischen Massnahmen zur Gewährleistung der Havariesicherheit sowie die einzelnen Arbeitsabläufe. Speziell überprüft wird zudem die regelmässige Schulung der MitarbeiterInnen in Bezug auf den Umweltschutz.
 
Der Kanton Basel-Stadt setzt ebenfalls auf die Eigenverantwortung der Chemiebetriebe und schloss deshalb mit der Firma Roche und der Firma Novartis (Werk St. Johann) Kooperationsvereinbarungen ab. In diesen Vereinbarungen sind Art und Umfang der Routinekontrollen für sämtliche Umweltbereiche festgelegt. Im Abwasser betrifft dies die gesamte von den Betrieben geleistete Messtätigkeit aller Abwasserströme. Die Berichterstattung erfolgt im Rahmen eines jährlichen Reportings mit nachfolgendem Audit und beinhaltet die Angaben zur Bewertung der gesetzeskonformen Ableitung des Abwassers. Bei den übrigen Chemiebetrieben (Werkareal Klybeck) findet derzeit eine systematische Überprüfung des in den Rhein eingeleiteten unverschmutzten Abwassers (Dach-, Platz- und Kühlabwasser) und der Ablaufwerte der ARA Chemie statt. Zudem begutachtet das basel-städtische AUE regelmässig die Messgenauigkeit der Betriebe in Form von Stichproben. Separate Kontrollen werden im Bereich der Produktion mit gentechnisch veränderten Organismen durchgeführt. Abwasser aus diesen Produktionsanlagen muss vor der Einleitung in die Kanalisation inaktiviert, d.h. die darin enthaltenen Organismen abgetötet werden. Zurzeit sind zwölf Abwasser-Inaktivierungsanlagen in Betrieb (Tendenz steigend), die systematischen Funktionskontrollen zu unterziehen sind. Regelmässige Betriebbesichtigungen finden auch bei bautechnischen Abnahmen im Rahmen von abwasserrelevanten Projekten statt.

 

Erfolgskontrolle
Die in den vergangenen vier Jahren durchgeführten Kontrollen zeigen erfreulicherweise, dass die Chemische Industrie die in der Gewässerschutzgesetzgebung festgelegten Grenzwerte mehrheitlich einhält. Geringfügige Abweichungen kommen vor, sind aber selten und bezüglich ihrer ökotoxikologischen Relevanz unbedeutend. Davon ausgenommen sind indessen die unfallbedingten Verunreinigungen und die neuartigen Verschmutzungen mit nicht abbaubaren, hormonaktiven Substanzen (siehe Kapitel Zukunftsperspektiven).

 

Zukunftsperspektiven
Im Kanton Basel-Stadt realisiert die Novartis derzeit ihr «Campus»-Projekt. Die Konsequenzen sind die vollständige Auslagerung der Produktion nach Schweizerhalle und ins Ausland. Mittelfristig wird auf dem Areal St. Johann kein industriell verunreinigtes Abwasser mehr anfallen. Als Folge dieser Entwicklung hat die Novartis ein neues Entwässerungskonzept entworfen, das von den Behörden bereits gutgeheissen wurde. Zu den wesentlichen Neuerungen gehören die Vereinheitlichung des WAR-Netzes und bei den Laborneubauten die Installation eines separaten Laborabwassernetz es mit Probenahmemöglichkeiten. Demgegenüber baut die Firma Roche die pharmazeutische Produktion mit gentechnisch veränderten Organismen kräftig aus. Die Folgen für die Abwasserbelastung sind derzeit noch unklar, da diese im Wesentlichen von den hergestellten Produkten abhängen.
 
Im ganzen Kanton Basel-Landschaft sind mittelständische Pharma- und Chemiebetriebe angesiedelt, welche ein hohes Wachstum und entsprechenden Handlungsbedarf bei der Bewirtschaftung der Abwässer aufweisen. Im Raum Schweizerhalle wird die chemische Produktion tendenziell ausgebaut bei stetiger Veränderung der Firmenlandschaft. Die Werk-Abwasserbewilligung ist ein geeignetes Instrument, um diesen Veränderungen Rechnung zu tragen, welche innerhalb bestehender Werke stattfinden. Moderne Produktionen verursachen im Allgemeinen geringere Abwasserfrachten, können jedoch hochaktive unerwünschte Verbindungen in geringen Konzentrationen enthalten, die es möglichst zu vermeiden gilt.
 
Ein grösseres Augenmerk werden die kantonalen Fachstellen in Zukunft auf die Problematik der nicht abbaubaren, hormonaktiven Substanzen richten. Mit der Definition von einzelnen Grenzwerten ist dieser neuen Gewässerschutz-Problematik – vor dem Hintergrund der grossen Vielfalt von verschiedenen Stoffen – aus arbeitsökonomischen Gründen nur schwer beizukommen. Abhilfe schafft letztlich nur das Umsetzen des in der Gewässerschutzverordnung festgeschriebenen «Standes der Technik». Hier gilt es die notwendigen Vollzugsinstrumente zu schaffen, damit die Chemische Industrie verhältnismässige Vorbehandlungsmassnahmen treffen kann, vorzugsweise am Ende eines Verarbeitungsprozesses, d.h. dort wo das spezifisch belastete Abwasser unverdünnt und in kleinen Mengen anfällt. Erste Gespräche zwischen Industrie und Behörden über den Umgang mit diesen neuartigen Gewässerverschmutzungen wurden bereits geführt, weitere müssen folgen.